Sonntagnachmittag

Unter allen Zeitzonen der Woche ist der Sonntagnachmittag einmalig, wunderbar entschleunigt und wie keine andere selbstbestimmt. Der Rest der Woche? Die Tage von Montag bis Freitag sind getaktet durch Arbeit oder Schule und schon von daher stark von aussen gesteuert. Die Randzeiten an den Arbeitstagen lassen nur wenig Spielraum; es bleibt bei Besorgungen, Essen, vielleicht eine Stunde für den Sport oder einen Konzertbesuch. Freitag und Samstagabend sind für die Jüngeren spannend – aber ebenfalls extrem verdichtet und beschleunigt. Wenn ein Abend erst um 23 Uhr startet, liegt es auf der Hand, dass am Samstag- oder Sonntagvormittag nicht mehr viel geht. Samstagnachmittage nutzen viele zum Einkauf, zum Beispiel beim schwedischen Möbelhaus. Maximaler Stressfaktor- alle irren durch die Gänge, Versuchstiere im Labyrinth und kleine Fleischbällchen zur Belohnung. Wer diesen Härtetest mit Familie und Kindern überstanden hat, braucht definitiv einen Sonntagnachmittag zur Erholung. Den Sonntagvormittagkann man zur mentalen Vorbereitung nutzen. Vielleicht noch eine kleine Runde Joggen vor dem Frühstück, zu dem sich dann alle möglichst im Pyjama versammeln. Ein Frühstück um 11 Uhr heisst automatisch kein Mittagessen und so ist ein sanftes Hinübergleiten in den Sonntagnachmittagmöglich.

Meine damalige Freundin Charlotte sprach immer leicht verächtlich vom Päärli-Nachmittag. Man bleibt zu zweit und alle, die solo sind, müssen sehen, wo sie bleiben. Was sie damit implizit auch ausdrücken wollte war, dass sie uns nie so richtig als Paar sah. Aber das ist eine andere Geschichte….

 

Die Kolumne in der NZZ

26APRIL2015_SNIDS

Also, abgesehen von der Pärchen/Single-Problematik steht einem entspannten Sonntagnachmittag nichts mehr im Wege. Wenn wir etwas abmachen an einem Sonntag, dann meistens mit guten Freunden, Menschen, die uns nahe stehen und die diese geschützte Zeitzone mit uns teilen dürfen. Ganz früher gab es den Sonntagsspaziergang und das Kaffeetrinken im Familienkreis. Aber das sind heute nur zwei von sehr vielen Varianten, den Sonntagnachmittag zu verbringen. Die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) macht es sich seit 13 Jahren zur Aufgabe, diese sonntägliche Ruhezone zu dokumentieren. Die Bilder zeigen Menschen beim Spaziergang an einer befahrenen Strasse, beim Skilaufen, in Schrebergärten, in Kostümen an Strassenfesten beim Verlassen des WCs oder auch den Samichlaus, der sich gerade die Schlittschuhe schnürt. Die Bilder sind fast schmerzhaft unspektakulär und nur auf eine sehr subtile Art und Weise gute Photos.

Zu Beginn habe ich vermutet, dass die Redaktion auch unangeforderte Bilder von Dritten verwendet, aber laut eigener Aussage vergibt die Bildredaktion jede Woche einen Auftrag an einen Fotografen mit minimalen gestalterischen Vorgaben – Schwarzweiss, Querformat und entstanden an einem Sonntagnachmittag zwischen 12 und 19 Uhr.

In der Summe und über die Jahre ergibt sich so ein präzises, klares Bild der Schweiz und seiner Bewohner (ich glaube Menschen müssen auch immer abgebildet sein). Dieser Umgang mit Photographie zieht sich wie ein roter Faden auch durch andere Rubriken der NZZ. Auf der Titelseite findet sich eher ein Bild von einem Bus mit Pendlern in Burma (der so aussieht, als kurvte er grad um den Limmatplatz) als ein Bild von Obama, der einem Staatsgast die Hand schüttelt. Vielleicht ist das auch der logische Umgang mit dem Medium Photographie für eine so alte Zeitung wie die NZZ, die ich noch als Bleiwüste in Erinnerung habe. Sie scheint immer darüber nachzudenken, ob und wie man überhaupt Photos am besten einsetzt – und die Verwendung erfolgt dann eher zaghaft und ein bisschen kopflastig. Deshalb verzichtet die NZZ zumeist auf affirmative, laut ausrufende Bilder. Ein Bild wird vorgestellt und der Betrachter muss es mit seinen Erfahrungen abgleichen.

 

Hommage und Wettbewerb

Grillieren in Oftringen

Grillieren in Oftringen

 

Und weil ich dieses Vorgehen und insbesondere die Rubrik „Sonntagnachmittag in der Schweiz“ wunderbar finde, habe ich meine Freunde gebeten, mir Ihre Sonntagnachmittage zu dokumentieren, um so eine kleine Hommage zusammenzubringen. Bis auf den SNIDS-Verweis (mit einigen Beispielen aus der NZZ) habe ich auf Vorgaben verzichtet. Die Ergebnisse, das heisst die Photos liegen nun vor. Für den einen war es neu, den (Kamera-) Blick auf das Vertraute und Alltägliche zu lenken. Der andere weiss nun endlich, was mit einem Sonntagnachmittag anfangen…

Alle Bilder auf flickr: https://flic.kr/s/aHsk9yqE5i